Fehlerkultur in der Führung: Was mich Pole Dance lehrt
Eine gute Fehlerkultur in der Führung beginnt für mich mit einer unbequemen Einsicht: Niemand lernt etwas Anspruchsvolles, indem er jederzeit souverän aussieht. Beim Pole Dance wird mir das sehr deutlich. Auf Fotos sieht man eine gelungene Figur. Elegant, schwebend, scheinbar mühelos. Was fehlt, ist der Weg dorthin.
Die blauen Flecken. Das Abrutschen. Die Angst vor der nächsten Bewegung. Die Frustration, wenn etwas bei anderen selbstverständlich aussieht und bei mir noch nicht klappt. Und dann das Wiederanfangen.
Genau deshalb liebe ich diesen Sport. Man kann sich nicht mit einem Titel oder einer guten Erklärung durchmogeln. Übung lässt sich nicht delegieren. Diese Erfahrung nehme ich mit, wenn ich über Führung und Veränderung nachdenke.

Warum Kontrolle allein noch keine Sicherheit gibt
In Führungsrollen gewöhnen wir uns daran, Antworten zu haben. Wir bereiten uns vor, sammeln Informationen und versuchen, Risiken zu überblicken. Das ist notwendig. Es kann aber auch dazu führen, dass wir den eigenen Lernprozess möglichst unsichtbar machen.
Wer eine neue Aufgabe übernimmt, kann nicht schon alles beherrschen. Ein neuer Ablauf wird nicht sicher, nur weil er beschlossen ist. Menschen brauchen Gelegenheit, ihn zu verstehen, zu erproben und Rückmeldung zu bekommen. Wer dafür keinen Raum schafft, verlangt das fertige Ergebnis, ohne den Weg dorthin zu ermöglichen.
Fehlerkultur in der Führung bedeutet nicht Beliebigkeit
Ein Krankenhaus ist kein Trainingsraum. Fehler können dort ernste Folgen haben. Gerade deshalb müssen Verantwortlichkeiten, Sicherheitsregeln und Grenzen klar sein. Lernen darf nicht bedeuten, vermeidbare Risiken einfach in Kauf zu nehmen.
Für mich ist die entscheidende Unterscheidung: Darf jemand eine Unsicherheit früh ansprechen, bevor daraus ein Problem wird? Können wir offen auf einen misslungenen Ablauf schauen, ohne sofort eine Person zum Problem zu erklären? Und folgt aus der Erkenntnis tatsächlich eine Verbesserung?
Eine offene Fehlerkultur entbindet niemanden von Verantwortung. Sie macht Verantwortung besprechbar. Die DGUV beschreibt das Lernen aus Fehlern ebenfalls als gemeinsame Aufgabe, bei der Führung eine wichtige Rolle spielt.
Drei Gedanken, die ich aus dem Training mitnehme
Fortschritt braucht Wiederholung
Eine Bewegung einmal erklärt zu bekommen, heißt noch nicht, sie zu können. Ähnlich ist es mit neuen Routinen im Team. Ein Workshop kann ein Anfang sein. Entscheidend wird, ob das Gelernte im Alltag wiederholt, begleitet und angepasst wird. Fragen Sie deshalb nicht nur, ob eine Schulung stattgefunden hat. Fragen Sie, was inzwischen sicher funktioniert und wo noch Unterstützung fehlt.
Vertrauen wächst durch Unterstützung
Vertrauen ist keine Aufforderung, einfach mutiger zu sein. Es braucht einen verlässlichen Rahmen. In der Führung gehören dazu erreichbare Ansprechpersonen, klare Entscheidungsräume und die Zusage, Schwierigkeiten gemeinsam zu klären. Wer bei jeder Rückfrage bloßgestellt wird, wird irgendwann nicht mehr fragen.
Der sichtbare Versuch verdient Aufmerksamkeit
Auf dem Foto zählt die fertige Figur. Für das Lernen zählt auch der Versuch davor. Im Team sollten wir deshalb wahrnehmen, wenn jemand früh auf ein Problem hinweist, eine Annahme korrigiert oder um Hilfe bittet. Das ist nicht automatisch Schwäche. Es kann ein wichtiger Beitrag zu besserer Zusammenarbeit sein.
Eine Frage für den nächsten Rückblick im Team
Statt nur zu fragen, was nicht geklappt hat, lässt sich ein Gespräch so beginnen: „Was haben wir erst beim Ausprobieren verstanden?“ Danach wird es konkret: Was ändern wir? Wer kümmert sich darum? Und wann schauen wir gemeinsam darauf?
Meine persönliche Verbindung zum Sport habe ich bereits im Beitrag Longevity? Ich hänge lieber an der Pole. beschrieben. Hier geht es mir um eine andere Seite: die Bereitschaft, beim Lernen sichtbar zu sein.
Kraft entsteht für mich nicht allein durch Kontrolle. Sie entsteht auch durch Übung, Vertrauen und den Mut, noch nicht fertig zu sein. Wenn Sie diese Fragen für Ihre eigene Führungsarbeit bewegen, finden Sie unter meinem Angebot mehr zu Coaching und Begleitung.
Von Dr. Kerstin Stachel. Weiterentwickelt aus meinem LinkedIn-Beitrag über Pole Dance und Führung.